Rezension: „Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert

Schön öfters hatte ich vom „Wüstenplanet -Zyklus“ gehört, irgendwie ist dieser „SF-Klassiker“ aber doch immer wieder an mir vorbeigegangen. Vor einigen Monaten bin ich erneut darauf gestoßen und habe mich dann spontan für den Kauf der ersten drei Bände entschieden. Im Folgenden meine Eindrücke dazu und ein Hinweis: Am Ende des ersten Bandes „Der Wüstenplanet“ findet sich eine kenntnisreiche Rezension von Sascha Mamczak, in der auch der Entstehungsprozess und die Gedankenwelt des Autors beleuchtet werden. Empfehlenswert!

Diese Rezension erstreckt sich im Wesentlichen auf den ersten Band „Der Wüstenplanet“. Nachdem dies der Ausgangspunkt des Zyklus‘ ist und die Geschichte im Weiteren fortgesponnen wird, gelten einige der Anmerkungen auch für die nachfolgenden Bände.

In einigen Rezensionen ist zu lesen, dieser Roman sei ursprünglich gar nicht der erste in der Abfolge gewesen. Das ist Unsinn. Dazu muss man wissen, dass die Geschichte zunächst als Fortsetzungsroman erschienen war und erst danach als Buch herausgegeben wurde. Nicht ungewöhnlich, dass der Inhalt dazu stilistisch und inhaltlich überarbeitet werden musste. Ähnliches gilt z.B. auch für Isaac Asimov‘s Foundation Trilogie.

Wie verschiedentlich geschrieben wurde, ist „Der Wüstenplanet“ mehr Fiction als Science. Man könnte die ganze Geschichte ohne Abstriche an den Kern der Handlung auch 10000 Jahre vor unserer Zeit und auf der Erde spielen lassen, will sagen, im Wesentlichen ist dies ein Fantasy-Roman! Ich würde ihm den Charakter als SF-Literatur aber dennoch nicht ganz absprechen, weil Science Fiction nicht notwendigerweise einen technologischen Fokus haben muss. Der jedenfalls nimmt keinen großen Raum ein und spielt, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle. Wenn man Sascha Mamczak Glauben schenken mag, dann ist dies kein Zufall. Vielmehr spiegelt sich hier „eine tiefe Skepsis Frank Herberts gegenüber der glücksverheißenden Kraft des technischen Fortschritts“ (Sascha Mamczak, Rezension in Band 1) wider. Im Ergebnis werden sowohl naiv Fortschrittsgläubige à la Star Trek wie auch kritisch-wissenschaftlich denkende Technikliebhaber kaum auf ihre Kosten kommen. Ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen und dem entworfenen Weltbild eine gewisse Technik- und Wissenschaftsfeindlichkeit attestieren. Auch gesellschaftlich gesehen reden wir hier nicht von gewagten Experimenten möglichen künftigen Zusammenlebens sondern vom Rückgriff auf eine Mischung aus mittelalterlichen Feudalstrukturen, antiken Freidenkertums und barbarischer Anarchie. – Die Zukunft ist nicht determiniert, es gibt keinen quasi „naturgesetzlichen zivilisatorischen Fortschritt“ und zumindest sind auch die wissenschaftlich-technische und kulturelle Entwicklung keineswegs linear und vor massiven Rückschlägen nicht gefeit. Auch Barbarei ist nicht für alle Zukunft ausgeschlossen. Deswegen sind das alles keine hinreichenden Gründe, dem Roman das „Science Fiction“ Attribut abzusprechen.

Die Handlung ist geradlinig mit wenigen die Spannung steigernden Seitensträngen und folgt im Kern dem bewährten „Held und Rache“-Motiv: Hier die Guten (die Atreides), dort die Bösen (die Harkonnen und ihre Unterstützer). Zunächst obsiegen die Bösen, natürlich mit unlauteren Mitteln und als Ergebnis von Intrigen und Ränken. Dann aber, nach allerlei Irrungen und Wirrungen, glückt es den Guten, ausgehend vom Vertrauen auf Ihre Bestimmung und dem unermüdlichen Festhalten an ihren Rechten, ihre Feinde zu überwinden. Darum dreht sich die Geschichte des ersten Bandes „Der Wüstenplanet“. Erzählt wird, wie die Rache an den Feinden und das Wiedereinsetzen der eigenen Rechte vermittels Geschick, Hartnäckigkeit, Heldenmut und mit der entscheidenden Unterstützung von unterschätzten Dritten (den „Fremen“) gelingt. Im Zentrumsteht dabei der Held Paul „Muad’dib“ Atreides mit seinen übermenschlichen Fähigkeiten und seinem Charisma als Führer und Treiber der Rache. Am Ende steht der grandiose und alles übertreffende Triumph: „The happiest end ever“, wäre da nicht die aus alten Prophezeiungen der Fremen heraus erwachsende religiöse Verstrickung in einen fortwährenden „Heiligen Krieg“, der sich dann auch Muad’dib nicht entziehen kann. Das ist dann aber schon die Hypothek für den Fortgang der Geschichte im Zyklus, die im ersten Band nicht weiter thematisiert wird.

Im Wesentlichen ist es das schon: Trotz mancher Längen weitgehend spannend erzählt, mit vielen fein gezeichneten und anhand von sich ergänzenden Skizzen nach und nach weiter geschärften Charakteren. Woher sie kommen, warum sie sind wie sie sind, warum sie so und nicht anders handeln? Dabei entsteht nach und nach ein Gesamtbild der Beziehungen und der zivilisatorische Kontext gewinnt Konturen. Die Beleuchtung der seelischen Befindlichkeit wird bei den Hauptprotagonisten mitunter sehr weit getrieben. Manchmal vielleicht zu weit, weil das Irrationale – und das ist es, was die Charaktere in ihrem tiefen Urgrund motiviert und so oder so entscheiden lässt – auch bei Variation der Perspektive letzten Endes irrational bleibt und damit der Geschichte keine neuen Aspekte hinzufügt. Es bleibt Geschmacksache, was man hier für das rechte Maß hält. Die richtigen Stellen ausgewählt wären auch fünfzig Seiten der psychologisierenden Reflexionen weniger kein substanzieller Verlust.

Trotz der vielen Introspektiven – vielleicht auch gerade derentwegen – bleiben Unklarheiten und Ungereimtheiten zum Gang der Dinge im Großen. Offenbar legt Frank Herbert größeren Wert auf die Perspektive der den Verlauf der Handlung maßgeblich bestimmenden Personen. – Eigentlich gar nicht so weit hergeholt: Auch die geschehene Menschheitsgeschichte wird meist aus der Position des Siegers erzählt, der wahre Verlauf der Dinge ist alsdann kaum mehr erkennbar, so auch bei Herbert. Wen interessiert im Detail, wie das gelingen konnte? Gerade das Unwahrscheinliche des Sieges gegen die schiere Übermacht des Imperiums macht ihn doch so kostbar und triumphal. – Die gelegentliche Unschärfe im Kleinen und im Großen ist in meinen Augen keine Schwäche des Romans, schließlich geht es hier um von Menschen gemachte Geschichte. Das Ergebnis ist zwanglose Unterhaltung ohne großen Anspruch. Eigentlich unnötig, dies erwähnen: Es geht nicht um eine philosophische Aussage und schon gar nicht um ein wissenschaftliches Traktat.

Der Autor hat sich einige Anleihen von den Arabern als Wüstenbewohner und der Geschichte des Islam genommen. Das fängt an bei den Namen der Fremen und einiger Örtlichkeiten auf Arrakis, die sich offenbar am Klang des Arabischen orientieren: Tabr, Erg, Shai-Hulud, Thufir, Hawat, Harah, Ramadhan, Shaitan, Taqwa, Quirtaiba, „al“, „ibn“, …, um nur einige zu nennen. Der Begriff des „Propheten“, wird ebenfalls in diesem Sinne verwendet. Der „Djihad“ (im Deutschen meist als „Dschihad“ transkribiert) ist seit einigen Jahren im Bewusstsein des Westens verankert als „Heiliger Krieg“. Zu Lebzeiten Frank Herberts war dieser Terminus noch nicht derart präsent. Man ist stellenweise negativ berührt von der scheinbaren Verherrlichung bzw. der konstatierten Unausweichlichkeit eben dieses „Djihad“. Wirklich nachvollziehbar motiviert wird indes weder die Kausalität des Djihad noch dessen unaufhaltsamer Vollzug im gesamten bekannten Universum außerhalb des Wüstenplaneten – er findet wohl irgendwo zwischen Band 1 und Band 2 statt. Angesichts der Aktivitäten religiöser Fanatiker in unserer Zeit fällt es nicht ganz leicht, den im Buch im Dienste der Guten stehenden Djihad überhaupt nur ansatzweise als positives Element wahrzunehmen, das den Atreides letztlich den Sieg beschert. Überhaupt spielt das Religiöse, Fanatische und Abergläubische eine unrühmliche Rolle. Für wissenschaftliches Denken ist wenig Platz, wie bereits oben ausgeführt. Das mag den vorrangig an „Science“ interessierten Science Fiction Leser eher abstoßen.

Das Gute gegen das Böse: Da muss doch am Ende das Gute siegen. Oder ist das doch zu einfach gedacht? – In der Tat fällt die Identifikation mit dem Helden Paul „Muad’dib“ Atreides am Ende nicht mehr ganz so leicht. Sind die Atreides mit ihren Fremen überhaupt die Guten, oder sind sie nur andere Böse. Gibt es in dieser feudalen, von Aberglauben, Machbesessenheit und dem ungeschminkten Recht des Stärkeren geprägten Gesellschaft überhaupt Platz für das Gute? Zumindest gibt es nicht nur schwarz und weiß, auch die zunächst vermeintlich Guten bewegen sich in einem Graubereich. Das ist kein negatives Verdikt, weil gerade dadurch die Schilderung an Kraft und Lebensnähe gewinnt.

Zusammenfassung: Wie dieses Buch zur Auszeichnung bester SF-Roman aller Zeiten kommt, kann ich nicht nachvollziehen. Nun ja, da müsste man die Umfrage genau kennen, die dies zutage gebracht hat. Vermutlich ist dieses Ergebnis nicht ganz ohne finanzielle Interessen beteiligter Auftraggeber entstanden.

Der Roman hat Stärken (der Entwurf des Gesamtbildes, der Plot), er hat auch Schwächen (viele Introspektiven und vermeidbare Längen, die weder unterhalten noch das Geschehen voran bringen). Wenig Science, viel Fiction! Man kann die Geschichte mögen, man muss es aber nicht. Die Handlung ist nach dem bewährtem „Held und Rache“-Muster aufgebaut und im Großen und Ganzen spannend erzählt. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

In Summe ein eher ambivalentes Urteil! – Wenig Science, viel Fiction, aber spannend.

   

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