Wir stapeln gleichförmige Steine der Länge
und nummerieren sie fortlaufend von
bis
. Den ersten Stein legen wir mit einem kleinen Überstand an die Tischkante. Dem Stein darüber geben wir seinerseits einen kleinen Überstand über den ersten Stein hinaus, aber so, dass die beiden nicht herunterfallen. Gleichfalls legen wir den dritten Stein auf den zweiten und schieben ihn leicht über die Kante hinaus, aber wieder so, dass er nicht herunterfällt und der Stapel nicht kippt. Und so verfahren wir mit allen weiteren Steinen. Die Länge des jeweiligen Überstands eines Steins über den darunterliegenden bezeichnen wir mit
. Demnach ist also
die Länge, mit welcher der erste Stein über die Tischkante hinausragt und
die Länge des Überstands des zweiten Steins über den ersten Stein hinaus, usw. Die Länge des Überstands des letzten, also des
-ten Steins, ist demzufolge
. In Abbildung 1 sind die Bezeichnungen erläutert.

Abbildung 1
Frage: Wie weit über die Tischkante hinaus können wir den Stapel bauen? Oder, anders gefragt, welche Strecke können wir solchermaßen mit den Steinen überbrücken? Welche Spannbreite kann die Brücke erreichen: Wie groß kann
maximal werden?
Offenbar können wir den ersten Stein nur maximal bis zur Hälfte seiner Länge über die Tischkante hinausschieben, also kann
höchstens dem Wert
erreichen. Wenn wir aber
wählen, wie geht es dann weiter? – Leider ist das Ende bereits erreicht;
ist dann der maximal mögliche Überstand für die Brücke.
Nehmen wir also für
einen kleineren Wert, sagen wir
. In diesem Falle können wir den nächsten Stein so darauf legen, dass er um den Wert
über die jetzt durch den ersten Stein gebildete äußerste Kante hinausragt. Der gesamte Überstand der Brücke erreicht jetzt den Betrag
. Wenn wir nun aber einen dritten Stein darauf packen, dann kippt die Brücke sogar dann, wenn wir den Stein genau über den zweiten legen. Demnach ist in dieser Konstellation ebenfalls schon die maximale möglich Spannweite der Brücke erreicht.
Alternativ können wir fortfahren, indem wir z.B. für den ersten Stein
wählen. Den zweiten Stein dürfen wir nun bis zum Wert
über die durch den ersten Stein gebildete Kante hinausschieben, weiter aber nicht, sonst kippt der Brückenbau. Gewonnen haben wir damit aber noch nichts, denn der Überstand ist jetzt nur noch
. Und wenn wir einen weiteren Stein darauf legen, stürzt die Brücke wieder ein. Wir können aber
nehmen. In diesem Falle haben wir die Möglichkeit, den nächsten, also den dritten Stein, mit einem Überstand von
darauf zu legen. Der erreichte Gesamtüberstand ist jetzt
.
In Abbildung 2 sind diese Beispiele dargestellt, dabei ist Schwerpunkts des Teilstapels vom jeweiligen Stein bis zum obersten Stein jeweils mit einem weißen Kreuz markiert. Liegt dieses Kreuz, bezogen auf den darunter liegenden Stein innerhalb der Auflagefläche, dann ist der Stapel stabil, liegt er außerhalb, dann stürzt der Stapel. Abbildung 2 zeigt den Grenzfall einer gerade noch stabilen Lage.

Abbildung 2
In Abbildung 3 ist der weitere Fall von 4 Steinen, die in der Abfolge
,
,
,
aufeinander gelegt werden im Detail skizziert. Zur besseren Nachvollziehbarkeit der relativen Positionierung tragen die einzelnen Steine ein Unterteilungsraster in Zehnteln der halben Länge
. Der Gesamtüberstand im letzten Fall ist
. Mit 4 Steinen kann man immerhin also mehr als die Länge
eines Steins überbrücken.

Abbildung 3
Zur Untersuchung des allgemeinen Falls schauen wir uns die Beziehungen zwischen der Lage der Steine und den resultierenden Schwerpunkten genauer an. Dazu definieren wir
als die relative Position des Schwerpunkts der Steine
bis
bezogen auf den rechten Rand des darunter liegenden
-ten Steins. In Abbildung 4 sind die Zusammenhänge dargestellt. Die weißen Kreuze markieren jeweils die Positionen der betreffenden Schwerpunkte. Liegt ein Kreuz in diesem Sinne links vom rechten Rand des
-ten Steins, dann ist
negativ, liegt es rechts davon, dann ist der Wert positiv, wobei letzteres natürlich bedeutet, dass der Stapel einstürzt.

Abbildung 4
Beispiele:
ist der Schwerpunkt des
-ten Steins bezogen auf den
-ten Stein.
ist der gemeinsame Schwerpunkt des
-ten und des
-ten Steins bezogen auf den
-ten Stein.
ist der gemeinsame Schwerpunkt des
-ten,
-ten und des
-ten Steins bezogen auf den
-ten Stein. Der Faktor 2 steht hier im Zähler hinter der Klammer, weil der Ausdruck
die Lage des Schwerpunkts von
Steinen repräsentiert (nämlich die über Stein Nummer
liegenden Steine mit den Nummern
und
).
Nur der Vollständigkeit halber:
ist in dieser Terminologie der Schwerpunkt des
-ten Steins bezogen auf den
-ten Stein.
Allgemein gilt für die Berechnung des Schwerpunkts der Steine
bis
bezogen auf den darunter liegenden
-ten Stein:
(1) ![]()
Wann können wir sicher sein, dass der Stapel nicht stürzt? Ganz einfach: Der Stapel ist stabil, wenn für alle Steine gilt, dass der Schwerpunkt des über einem gegebenen Steins gestapelten Turms innerhalb der Begrenzungen des jeweiligen Steins liegt. Nach den gewählten Bezeichnungen können wir dieses Kriterium formal so schreiben:
(2) ![]()
Damit wird ein System von
Ungleichungen definiert. Wie schon oben gesehen, gilt
. Demnach erhalten wir mittels Formel (1)
(3) 
und somit weiter sukzessive
(4) 
Demnach lautet die Formel für die direkte Bestimmung der Schwerpunkte ![]()
(5) ![]()
Die obige Bedingung dafür, dass die gestapelten Steine nicht stürzen, lässt sich nun explizit in der Form
(6) ![]()
niederschreiben. Übersichtlicher ist die Matrixschreibweise:
(7) 
Durch Inversion der Matrix folgt daraus zunächst
(8) 
woraus wir direkt die Folgerung
(9) 
oder kürzer
(10) 
ableiten können. Insgesamt bekommen wir die notwendige und zugleich hinreichende Bedingung für einen stabilen Brückenbau einfach zu
(11) ![]()
bzw.
(12) ![]()
Nun können wir die aufgeworfene Frage zu dem maximal erreichbaren Wert für die Spannweite
der Brücke beantworten. Bei einer gegebenen Anzahl von Steinen gilt
(13) ![]()
Hierbei steht
für die
-te harmonische Zahl. Wenn wir die
hinreichend nahe an
wählen, dann können wir mit einer vorgegebenen Anzahl von Steinen den Stapel stets so bauen, dass damit die Spannweite
nahezu erreicht wird und der Stapel trotzdem stabil bleibt. Da nun aber
für
über alle Grenzen wächst, können wir bei einer unbegrenzten Anzahl von Steinen jeden beliebig großen Überhang
konstruieren.
Somit schaffen wir es, den Stapel beliebig weit über die Tischkante hinaus zu bauen. Abbildung 5 zeigt ein Beispiel mit 11 Steinen und dem damit erreichten Überhang von ![]()

Abbildung 5
Das „harmonische“ Konstruktionsprinzip ist einfach: Bei
Steinen schiebt man den ersten Stein knapp um die Länge
über die Tischkante hinaus, den zweiten dann knapp um die Länge
über den ersten Stein, usw. bis zum
-ten Stein, der dann um fast
über den
-ten Stein hinausragen darf und schließlich zum
-ten Stein, der knapp um die Länge
über den
-ten Stein hinauszeigt. In Abbildung 5 ist dies für 11 Steine detailliert ausgeführt.
Wir hatten oben erwähnt, dass
über alle Grenzen wächst, dass also
gilt. Dass dies tatsächlich so ist, sieht man ganz leicht. Für
haben wir

und weiter
(14) 
Somit gilt für ![]()
(15) ![]()
Beispiel 1a: Um eine Brücke der Länge
zu bauen, brauchen wir also nicht mehr als
Steine der Länge
, denn
.
Umgekehrt kann man auch nach einer einfachen Schätzformel für die Mindestanzahl der Steine fragen die nötig ist, um eine gewünschte Strecke zu überbrücken. In obiger Ableitung haben wir für ![]()

woraus folgt
(16) 
Insgesamt bekommen wir daher die Abschätzung
(17) ![]()
wobei die linke Seite für
und die rechte Seite für
gilt.
Beispiel 1b: Um eine Strecke der Länge
zu überbrücken werden mindestens
Steine der Länge
benötigt, denn
.
Die so erhaltenen Abschätzungen sind ziemlich ungenau, das geht natürlich besser. Eine sehr gute Approximation ist gegeben durch die folgende Ungleichung
(18) ![]()
Dabei ist
die Eulersche Gamma-Konstante, auch Euler-Mascheroni-Konstante genannt. Diese Konstante ergibt sich aus der Überlegung
(19) 
woraus bei genauerer Analyse und der Ersetzung
schon Euler
(20) ![]()
gefolgert und mit der Definition
den Grenzwert
(21) ![]()
erhalten hat. Umgekehrt können wir so
näherungsweise aus
bestimmen.
(22) ![]()
Damit erhalten wir für die beiden obigen Beispiele viel bessere Abschätzungen:
Beispiel 2a: Um eine Brücke der Länge
zu bauen, brauchen wir also nicht mehr als
Steine der Länge
, denn
.
Beispiel 2b: Um eine Strecke der Länge
zu überbrücken werden mindestens
Steine der Länge
benötigt, denn
.
In The On-Line Encyclopedia of Integer Sequences: https://oeis.org/A002387 (Harmonic numbers: Least n such that H(n) > m, where H(n) is the harmonic number sum_{k=1..n} 1/k) findet man eine Tabelle, die zu vorgegebenen Werten
den minimalen Wert
angibt, für den
gilt.
In unserer Terminologie finden wir also damit zu vorgegebenen Brückenspannweiten von
die gerade ausreichende Anzahl von Steinen
, für die
erstmals den Wert
überschreitet, womit die konstruierte Brücke sodann die Strecke
überspannt.
Die genauen Werte für die nötige Anzahl der Steine zur Überbrückung einer Strecke von
kann man für
der folgenden Tabelle entnehmen (s. OEIS, https://oeis.org/A002387).
| minimales so dass | minimales so dass | minimales so dass | |||
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 2 | 11 | 33617 | 21 | 740461601 |
| 2 | 4 | 12 | 91380 | 22 | 2012783315 |
| 3 | 11 | 13 | 248397 | 23 | 5471312310 |
| 4 | 31 | 14 | 675214 | 24 | 14872568831 |
| 5 | 83 | 15 | 1835421 | 25 | 40427833596 |
| 6 | 227 | 16 | 4989191 | 26 | 109894245429 |
| 7 | 616 | 17 | 13562027 | 27 | 298723530401 |
| 8 | 1674 | 18 | 36865412 | 28 | 812014744422 |
| 9 | 4550 | 19 | 100210581 | 29 | 2207284924203 |
| 10 | 12367 | 20 | 272400600 | 30 | 6000022499693 |
Wie man sieht: Wirklich große Spannweiten kann man so in der Praxis nicht überbrücken. Für einen Überhang von
braucht man nach obiger Schätzformel etwa
Steine – das sind deutlich mehr als die ca.
Atome im Universum.