Rezension: „Die Foundation Trilogie“ von Isaac Asimov

Diesem Roman mangelt es so ziemlich an allem, was eine gute Geschichte – normalerweise – ausmacht. Es fehlt die Identifikationsfigur, es gibt keinen Helden, mit dem man mitfiebert, keinen traurigen Verlierer, dessen Schicksal uns berührt, es gibt keinen persönlichen Gegensatz, der den Fortgang der Geschichte befeuert, kein schwelender Familienkonflikt bestimmt das Geschehen, noch nicht einmal ein Attentat oder ein Mordkomplott, und schon gar keine Weltuntergangskatastrophe, keine Roboter oder fremde Intelligenzen, weit und breit keine Aliens und auch keine Hyper-Spezialwaffe, irgendeine brillante Technologie oder eine raffinierte wissenschaftliche Sensation aus dem 13. Jahrtausend.– Um Gottes willen, wie soll das gut gehen, wo könnte da der Reiz liegen? Es ist etwas viel besseres: Eine Idee! Hari Seldons geniale Schöpfung namens Psychohistorik. Die Konzeption der „Foundation“ und der auf Jahrhunderte im Voraus gedachte Umsetzungsplan zum Wiedererstarken des dem Untergang geweihten Imperiums. Es ist das Abenteuer dieser Foundation. Genaugenommen ist es dabei noch nicht einmal eine geschlossene Geschichte sondern eine Sammlung von lose zusammenhängenden aber stimmig aufeinander aufbauenden längeren oder kürzeren Schilderungen einzelner Episoden innerhalb der Entwicklungsgeschichte der Foundation. Dabei entsteht in den Einzelgeschichten durchaus auch spannungsgeladene Atmosphäre und es gibt hie und da auch mitreißende Passagen und Identifikationsfiguren. In der Gesamtschau ist es aber dennoch eher die historisierend vorgetragene Darstellung der Geschichte der Foundation, gleichsam die Chronik der Foundation und damit gewissermaßen die der zukünftigen Menschheit, die „Future History“. In diesem Sinne also eigentlich nicht „irgend eine“ Geschichte, sondern „die“ Geschichte.

Man ist begierig zu erfahren, wie die Foundation auf dem abgelegenen Planeten Terminus am Rande der Galaxis angesichts kaum vorhandener Rohstoffe überhaupt überleben kann. Kann sie der Übermacht der Feinde im rechtlosen Außenbezirk trotzen? Was setzt sie ihnen entgegen? Wie schafft sie es, ihre geringe Macht zu konsolidieren und weiter auszubauen? Wie kann sie überhaupt dauerhaft bestehen, wo ihr doch der imperiale Gedanke, die Machtzentrale fehlt? Wie schafft sie es dennoch, aus jeder Krise gestärkt hervorzugehen? Die Protagonisten wechseln, die Schauplätze ebenso, und desgleichen die Herausforderungen. Woran kann man sich als Leser orientieren, woran sich festhalten? Was schafft Identifikation? – Dem Leser geht es, wie den Menschen der Foundation selbst: Es ist die Idee hinter allem, das Vertrauen in die geniale Konzeption Hari Sheldons, aus der heraus die Identifikation erwächst. Mehr als das, es entsteht gleichsam ein Sendungsbewusstsein, wenn man so will: Wir werden obsiegen, weil wir uns dessen gewiss sind, was auch immer auf dem Weg dahin passieren mag. Das ist der rote Faden, das ist der gemeinsame Nenner. Da braucht es keinen Helden. Es ist die Idee, die alles vorantreibt.

Die Geschichte ist – von wenigen Durchhängern abgesehen – spannend und interessant erzählt. Wie ist das möglich, angesichts der oben aufgelisteten Mängel?

Wie einst das Imperium Romanum im 4. Jahrhundert nach Christus steht das Galaktische Imperium im 13. Jahrtausend vor dem Zerfall. Auf dem zentralen Regierungsplaneten Trantor sind Milliarden von Menschen mit der Verwaltung des riesigen Reiches befasst. Die Gründungsidee des Millionen von Planeten und weite Teile der Galaxis umspannenden schier grenzenlosen Imperiums ist in Vergessenheit geraten. Die Mächtigen sind nur noch mit sich selbst beschäftigt und bekämpfen sich gegenseitig. Alles ist in Routine erstarrt und kaum jemand nimmt die Agonie des Imperiums wirklich war. Nur die Wissenschaftler um den genialen Mathematiker Hari Seldon sind hellwach: Sie beobachten, sammeln Daten, analysieren und schaffen nach und nach eine Theorie, nein, eine neue Wissenschaft, die Psychohistorik, die es ihnen ermöglicht, die Zukunft vorherzusagen. Nicht im Detail, nicht für jede einzelne Person, aber im Großen und Ganzen und für große Gemeinschaften, für große „Konglomerate“ von Menschen. Die Psychohistorik ist die Verbindung von Mathematik, Sozialwissenschaft, Geschichte und Psychologie. Ihre Grundthese ist: Aus dem historischen Verhalten großer Mengen von Menschen, von Gesellschaften, ihren Eigenheiten, ihrer Reaktion auf innere und äußere Störungen, ihrem Umgang mit Krisen, lassen sich Rückschlüsse über die wahrscheinliche künftige Entwicklung ziehen. Im Verständnis der Psychohistorik ist die Zukunft gewissermaßen statistisch erfassbar. Dabei ist diese Zukunft keineswegs platt determiniert (d.h. in ihrem Verlauf unabänderlich in dieser oder jenen Weise festgelegt, was im Übrigen schon die heutigen Erkenntnisse der Naturwissenschaften klar widerlegen), es gibt aber wahrscheinliche und weniger wahrscheinliche Verläufe. Zukünftige Entwicklungspfade ganzer Gesellschaften sind in diesem Sinne in ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit mittels komplizierter mathematischer Modelle und einem umfangreichen mathematisch-soziologisch-historischem Kalkül konkret quantifizierbar. So versteht sich die Psychohistorik des Mathematikers Hari Seldon und dies ist der Ausgangspunkt des Romans.

Nur als Anmerkung: Klar, die Psychohistorik wird „erst im 13. Jahrtausend zur vollen Blüte kommen“, aktuell gibt es aber bereits einen Vorläufer: Die Technologie heißt „Big Data“. Bei Big Data geht es im Wesentlichen auch darum, große Datenmengen zu analysieren und nicht selten ist das Ziel, auf Basis der Analyse Voraussagen zum wahrscheinlichen weiteren Verlauf, oder, wenn man so will, zum künftigen Verhalten der durch die Daten beschriebenen „Systeme“ oder „Gemeinschaften“ zu machen. Google macht es, Amazon ebenfalls. Das Verhalten der Nutzer wird analysiert und im Ergebnis findet man mehr oder weniger passende Links im Browser oder Produktvorschläge im Emaileingang. Nur unbedeutende Kleinigkeiten verglichen mit der Psychohistorik, dennoch ist der Kerngedanke durchaus vergleichbar.

Zurück zu Foundation-Trilogie: Hari Seldon hat mit Hilfe seiner neuen Wissenschaft erkannt, dass der Niedergang des Imperium unaufhaltsam voranschreitet. Selbst ihm ist es nicht möglich, den Zerfall aufzuhalten, er kann aber durch geschickte Einflussnahme auf das Geschehen die Zeitspanne der tiefen Depression von vielleicht 10.000 oder 20.000 Jahren auf 1.000 Jahre verkürzen. Der Plan Hari Seldons sieht vor, eine Gruppe von Menschen, Wissenschaftler zumeist, mit ihren Familien, als Keimzelle des künftigen, erneuerten Imperiums zu installieren: das ist die Idee der Foundation. Durch geschicktes Agieren gelingt es ihm, den unbedeutenden, in den galaktischen Randbezirken gelegenen Planeten Terminus als Siedlungsraum für die Foundation zugewiesen zu bekommen. – Und nun nimmt alles seinen Lauf, genau wie es die Psychohistorik vorhersagt. Oder vielleicht doch nicht ganz so, denn, wie gesagt, Einzelschicksale, eine extrem unwahrscheinliche Begabung, ein äußerst seltenes Ereignis, können in ihrer Wirkung auch mittels der komplizierten Mathematik Seldons nicht antizipiert werden…

Die Gliederung der Trilogie in die Teile „Foundation“, „Foundation und Imperium“ sowie „Zweite Foundation“ ist zu einem guten Teil gewiss in der Entstehung des Dreiteilers als Fortsetzungsroman begründet. Eine Aufteilung in „Foundation“, „Das Maultier“ sowie „Zweite Foundation“ mit ganz anderen Grenzziehungen zwischen den einzelnen Teilen hielte ich persönlich für sehr viel passender. Mit am spannendsten erzählt ist dabei die sich über mehrere hundert Seiten erstreckende Episode des von Hari Seldon als singuläres Ereignis nicht vorhergesehenen „Maultiers“. Sein Auftreten gefährdet den imposanten Plan der Foundation. Auch die geheimnisvolle Zweite Foundation ist in beträchtlicher Gefahr. – Bei aller Großartigkeit und Weitsicht der Psychohistorik: Am Ende sind es wohl doch die Individuen, die in das Räderwerk der Geschichte eingreifen, es einmal beschleunigen und ein anderes Mal verlangsamen, vielleicht sogar die Richtung ändern. Das „Maultier“ stellt sich dem Plan Hari Seldons entgegen. Hat es Erfolg? Oder bleibt es am Ende gegen die schiere Macht einer verinnerlichten Idee letztlich ohne durchschlagenden Erfolg?

Verschiedentlich wurde erwähnt, dass die Geschichte vom Untergang des Römischen Reiches Pate gestanden habe für diesen Roman. Da ist etwas Wahres dran insoweit, als der Autor, Isaac Asimov, selbst sagt, er habe Edward Gibbons‘ „History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ gelesen, sogar zweimal. Die Kenntnis von Gibbons‘ „Verfall und Untergang“ ließen im jungen Asimov die kühne Idee reifen, über ein galaktisches Imperium am Ende seiner Zeit zu schreiben. Damit aber ist dieser Bezug bereits erschöpft. Die Foundation-Trilogie lässt, über die oberflächliche Imperiums-Analogie hinaus, keine tiefgründigen Bezüge zum Imperium Romanum und dessen Endzeit erkennen. Tatsächlich spielen das galaktische Imperium selbst und sein Zustand in der Erzählung kaum eine Rolle, nur ganz am Anfang zur Motivation. Allenfalls in der Episode mit dem kaiserlichen General Bel Riose wird der Blick nochmals für einen kurzen Moment auf das Imperium gerichtet. Ansonsten steht immer ganz klar die Foundation im Mittelpunkt, und nichts als die Foundation. Das Imperium ist nur Staffage.

Auf den zweiten Blick drängt sich ein anderer Mythos als Ideengeber und Blaupause für den Fortgang der Geschichte auf: Die Besiedlung Nordamerikas, die Emanzipation von den Kolonialmächten und die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika. Das Selbstverständnis Amerikas als die bessere Welt, als der Hort der Freiheit, als Zentrum von Wissenschaft und Technologie, als wirtschaftlich prosperierende Macht, als Refugium von Wohlstand und Gleichberechtigung im Gegensatz zu einer vermeintlich im Chaos versinkenden Welt (man muss hier den Zeitpunkt der Entstehung des Romans berücksichtigen; die ersten Geschichten wurden in den 1940-ziger Jahren geschrieben, als bereits der Zweite Weltkrieg tobte), das Versprechen von Freiheit und Unabhängigkeit. Kurzum, der „amerikanische Traum“ in einer denkbar allumfassend gedachten Form, das unerschütterliche Vertrauen, dass alles gut werde, die durchgehend positive Grundhaltung, der kaum zu bremsende Optimismus. In allen drei Teilen des Romans finden sich hier zahllose Bezüge, am deutlichsten im ersten Teil „Foundation“.

Für wen ist die Foundation-Trilogie eine geeignete Lektüre? Natürlich muss das jeder selbst entscheiden, hier nur zur Orientierung meine persönliche Einschätzung:

Wer sich an der Schilderung der großen Zusammenhänge erfreut, wer mehr am Lauf der Dinge, als an der detailgetreuen Schilderung der partikularen Konflikte und Einzelschicksalen interessiert ist, wer sich auch im realen Leben für Geschichte begeistert und die Art und Weise historischer Nacherzählung aus der großen Perspektive heraus schätzt, und natürlich all diejenigen, die ein Faible für Wissenschaft und Technik haben. Auf Spannung muss man dabei nicht zu verzichten.

Und wer wird an dieser Trilogie weniger Freude haben?

Wer durchgehend spannungsgeladene, dichte Atmosphäre sucht, wer lieber mit einem Helden oder Antihelden mit fiebert, wer den roten Faden einer fortlaufenden Handlung in einem klar definierten Rahmen nicht missen möchte, wer die Schilderung der inneren Konflikte der handelnden Personen schätzt und als Bereicherung empfindet, wer sich mit einem Protagonisten identifizieren möchte.

Die Foundation-Trilogie Isaac Asimov’s und der Wüstenplanet-Zyklus` Frank Herberts stehen ziemlich konträr zueinander. In der Trilogie geht es um die gesamtgesellschaftliche Perspektive, den Blick aufs Ganze und die aus einer wissenschaftlich begründeten Idee heraus erwachsende positive Gestaltungskraft für die Entwicklung der Gemeinschaft. Völlig anders auf dem Wüstenplaneten Arrakis: „Ego-Trips“ bestimmen das Geschehen, partikularisierte Einzelinteressen verhindern eine Weiterentwicklung. In fortwährenden Introspektiven wird narzistische Nabelschau betrieben, alles dreht sich um sich selbst und kommt daher nicht voran. In der Foundation-Trilogie dagegen der Glaube an das Gute, den Fortschritt – vielleicht naiv und allzu optimistisch, aber auch konstruktiv. Bei Frank Herbert Kulturpessimismus und Wissenschaftsfeindlichkeit – vielleicht noch nicht einmal realitätsfern oder naiv, aber im Ergebnis destruktiv. Eine Gemeinsamkeit gibt es dennoch: Die Religiosität der Menschen wird in beiden Entwürfen ausgenutzt und für die Umsetzung von Machtinteressen missbraucht, so jedenfalls zumindest in den Aufbaujahren der Foundation, ungleich massiver auf dem Wüstenplaneten Arrakis.

Die Foundation-Trilogie Isaac Asimov’s ist in gewisser Weise der Gegenentwurf zum Wüstenplanet-Zyklus` Frank Herberts.

Trotz der gelegentlichen Durchhänger in der Handlung fesselt die Idee bis zum Schuss. In einem Satz: Ein grandioses Meisterwerk der „Future History“-Science Fiction.

   

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